WAZblog Waz man seinen Lesern eigentlich nicht zumuten sollte …

30. April 2009

Des Virus, des Virus‘ oder des Virusses?

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 20:49

Müsste man mal klären …
Und dazu reicht ein Blick in den Duden. Schon kann man feststellen, dass der Virus über keinen Genitiv verfügt. Also: Des Virus. Das hat die WAZ im Aufmacher auch richtig erkannt: „Es hat sich zwar ein neuer Subtyp des Virus gebildet.“ Nach dem Umblättern kann man aber lesen: „Was die Struktur des Virus’ angeht …“ Ja, Apostrophen werden eben immer wieder gerne genommen.

29. April 2009

Neben einer Erscheinung eher Kleinigkeiten heute

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:09

Angefangen im Seite-2-Kommentar des Chefredakteurs: „Diese so genannte Bad Bank ist von Übel für SPD wie Union.“ Zusammengesetzte Begriffe werden im Deutschen mit einem Bindestrich verbunden, darum müsste es die Bad-Bank sein (auch wenn das Wort dem Englischen entlehnt ist). Aber wer wollte so pingelig sein? Außer mir auch noch diese hier.
Ein paar Zeilen weiter habe wir dann noch diesen schönen Satz: „Vieles, wofür in der alten Koalition Schröders Müntefering und Steinmeier standen, erscheint von gestern.“ Das ist interessant: Etwas von gestern erscheint heute. Eine merkwürdige Erscheinung! Die hätte man vermeiden können, wenn der Chefredakteur auf die vermaledeite Vorsilbe verzichtet hätte: Vieles von der Koalition scheint von gestern zu sein.

Eine Seite weiter gibt es „Hilfe für kranken Amok-Droher“. Nun gut, Headlines müssen kurz und knackig sein. Aber ein „Amok-Droher“? Was soll dass den sein? Wenn ein Amokläufer jemand ist, der in blinder Wut tötet, dann ist also ein Amok-Droher jemand, der in blinder Wut droht? Nee, passt nicht. Der droht, in blinde Wut zu verfallen? Kann man so etwas androhen? Hm.

In derselben Spalte eine weitere kleine Headline: „Terrorprozess: Gericht schloss Adem Y. aus“. Wenn ein Terroranschlag ein Anschlag ist, der Schrecken, Angst und Terror verbreitet, dann ist ein Terrorprozess …

28. April 2009

Sollte ein solcher Vorgang auftreten, wird unangemessene Panik geschürt

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:06

Dieser Satz stammt von unserem NRW-Arbeitsminister, nachzulesen im heutigen Aufmacher: „Sollte ein solcher Vorgang in NRW auftreten, werde ich mit aller Vehemenz als Aufsichtsbehörde einschreiten.“ Einen Satz von solcher Größe und sprachlichen Schönheit kann wohl nur ein Politiker produzieren (da kommen selbst WAZ-Redakteure nicht mehr mit). Ein Vorgang tritt auf! Und dann wird eingeschritten. Das ist dreimal Fortbewegung in poetischer Form: gehen, auftreten, schreiten. Gekrönt wird das Ganze nur noch von dem „ich“ als Aufsichtsbehörde und der Vehemenz des Einschreitens. Jetzt wissen wir endlich, was Politiker können. Und vor allem: was sie nicht können.

Blättern wir um. Und lesen im Kommentar: „Die allermeisten Ärzten behandeln ihre Patienten aber wie selbstverständlich weiter“.

In der Zwischenzeit ist die Politik-Seite voller Panik. Nachdem Gesine Schwan „von ihrer eigenen Wirkungsmacht überrascht“ wird, was uns nicht wundert, da es das Wort gar nicht gibt, warnt unsere Kanzlerin ein paar Zeilen tiefer: „Es ist völlig unverantwortlich, jetzt Panik zu machen und Ängste zu schüren.“ Tja, wie macht man eigentlich Panik, denn trotz des schönen Begriffs „Panikmache“ ist das gar nicht so leicht.
Die Frage muss offen bleiben, denn „Wulff empfahl, man möge Schwan und Bundespräsident Horst Köhler sowie allen anderen, die nachdenklich redeten, aufmerksam zuhören.“ Es gibt nachdenkliche Menschen, die machen dann möglicherweise auch ein nachdenkliches Gesicht oder werden nachdenklich, wenn sie z.B. eine Rede hören, die nachdenklich macht (das wäre dann eine nachdenklich machende Rede), ggf. runzeln sie dann auch nachdenklich die Stirn – aber man hat noch nie jemanden nachdenklich reden gehört. Vermutlich war gemeint, das Köhler nachdenkt, bevor er redet, und daran sollten sich wirklich andere Politiker ein Beispiel nehmen.
Dann kommt es möglicherweise auch nicht mehr vor, dass „die Kandidatin für Anwürfe freigegeben“ wird.
Ob indes die Sorge kleiner wird, „dass die deutlich abgeflaute Debatte über SPD und Linkspartei wieder aufbranden könnte“, ist ungewiss, weil ein Wind, der abflaut, allenfalls wieder auffrischt und nicht aufbrandet. Letzteres tut nämlich die Meeresbrandung an Felsen oder Klippen.

Aber geraten wir doch lieber wieder in Panik. Und werden fündig im Artikel darunter. Zunächst „… verkündete Linkspartei-Landesvorstand und Bundestagskandidat Andrej Hunko ungeschminkt.“ Für diese Verkündigung hätte man ihn unbedingt vorher schminken müssen, das finde ich auch. Sollte er allerdings eine ungeschminkte Wahrheit verkündet haben, dann hätte man ihn ruhig ohne Make-up auftreten lassen können.
Sodann aber schlägt das Imperium zurück: „SPD-Generalsekretär Michael Groschek warf der Linkspartei vor, ‚vollkommen unangemessene Panik zu schüren‘.“ Was mich natürlich sofort zu der Frage bringt, wie man angemessene Panik schürt.
Zumindest aber wird nun die Panik geschürt, die im oberen Artikel noch gemacht wurde, während dort die Ängste geschürt wurden.
Schüren hin – Panik her, der CDU-Generalsekretär von NRW „titulierte sie (die Linkspartei. d.Verf) als ‚Rattenfänger‘, die aus dem Leid anderer Kapital schlagen wollten.“ (In der Online-Ausgabe steht übrigen „wolten“). Das mit dem Rattenfänger hat er wohl bei seinem Parteifreund Roland Koch abgeguckt – nur wird es nicht besser, wenn man es wiederholt. Denn der Rattenfänger hat damals Hameln von den Ratten befreit und ist anschließend von der städtischen Obrigkeit um seinen Lohn betrogen worden, nie hat er aus dem Leid anderer Leute irgend etwas schlagen wollen, geschweige denn Kapital. Aber woher soll so ein armer ungebildeter CDU-Generalsekretär so etwas wissen, zumal es ihm wohl nur darum geht, das Wort „Ratten“ irgendwie mit dem politischen Gegner in Verbindung zu bringen?

Sollte ein solcher Vorgang noch einmal auftreten, werde ich als sprachliche Aufsichtsbehörde mit aller Vehemenz angemessene Panik schüren … äh … machen, ob ich nun geschminkt bin oder nicht.

27. April 2009

Wer erklärt uns den Alarmzustand?

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 20:29

Na klar, die WAZ heute im Aufmacher: „Angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe haben die USA den Alarmzustand erklärt.“ Und nun wissen wir Bescheid. Endlich erklärt einem einer mal was! Wo die doch sonst so gerne alles mögliche ausrufen und allenfalls den Krieg erklären.

Nach dem Umblättern erfahren wir durch den Kommentar sogar noch mehr: „Zusammen mit der hohen Mobilität der Menschen müssen die Alarmglocken schrillen.“ Das muss sich ja grauenhaft anhören, wenn die Mobilität schrillt. Und auch noch zusammen mit den Alarmglocken! Fehlt nur noch, dass uns das jemand erklärt.

25. April 2009

Schwerer Großkonflikt mit spontane Arbeitsniederlegungen

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:32

Ist ein Konflikt groß, ist er wahrscheinlich auch schwer. Dass man das auch koppeln kann, finden wir heute im Aufmacher: „Deutschlands größter Stahlkonzern Thyssen-Krupp steckt mitten in einem schweren Großkonflikt zwischen seinen bundesweit 85 000 Beschäftigten und der Unternehmensspitze …“ Hätte es der schwere Konflikt allein nicht getan?
Kurz danach noch ein Satz, bei dem man beim ersten Lesen nur spürt, dass da irgend etwas falsch sein muss, ohne es genau lokalisieren zu können: „Gewerkschaften und Betriebsräte drohen mit massivem Widerstand: Großdemos, spontane Arbeitsniederlegungen – und einer Blockade aller Entscheidungen in den Aufsichtsräten.“ Das wäre aber nur richtig, wenn sie mit Widerstand und einer Blockade drohen würden. So, wie der Satz gebaut ist, sollten sie aber entweder mit Widerstand, spontanen Arbeitsniederlegungen und einer Blockade drohen oder aber mit folgendem Widerstand – nur dann sollte in allen Fällen der Nominativ stehen: auch bei der Blockade, die eine Blockade wäre.
Besonders schön ist aber diese Formulierung in der zweiten Spalte: „In der Vereinbarung heiße es wörtlich“.
Ich heiße übrigens Würstchen. Nein, Quatsch, vergessen wir das. Aber erinnern wir uns stets daran, dass es „in der Vereinbarung wörtlich hieße“, wenn es korrekt wäre.

24. April 2009

Spekulationen wuchern bei den schwächsten Verlierern

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 18:51

Dass „die Spekulationen wuchern“ (Bildunterschrift, Titelseite) ist ja schon ein höchst interessantes und bisher wenig beobachtetes Phänomen, aber im Kommentar auf Seite 2 haben wir es mit noch interessanteren Beobachtungen zu tun: „Um Deutschland herum brandet in zahlreichen Ländern die Wut der schwächsten Verlierer der Weltkrise auf.“ Da muss man fast froh sein, das nicht auch noch die Wut der stärksten Verlierer aufbrandet oder gar die der schwächsten Gewinner! Nicht auszudenken!

23. April 2009

Vorauseilend hinterhertrauernd am Grundpfeiler kratzen, den es in fertig noch nicht gibt

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:25

Es ist schon ein bisschen kurios, was man heute auf der Seite 2 zum Thema „Sperrung von Internet-Seiten“ lesen kann: „Denn die Gesetzesvorlage, die das Kabinett nun beschlossen hat, kratzt an einem ideellen Grundpfeiler des Internets …“ Normalerweise kratzt man am Lack, aber das meint natürlich etwas ganz anderes. Nur: Wenn einer an einem Pfeiler kratzt, an einem Grundpfeiler noch dazu, juckt das niemanden – und am wenigsten den Pfeiler.
In der nächsten Spalte folgt ein kleines Paradoxon: „Das Idealnetz, dem Iseri vorauseilend hinterhertrauert (und mit ihm 130 kommentierende Leser) …“ Entweder voraus oder hinterher, da sollte man sich schon entscheiden.

Stilistisch ganz besonders eigenwillig ist aber dieser Beitrag auf der Rhein-Ruhr-Seite: „Sie fahren von Drehscheibe zu Drehscheibe: nach Duisburg, wo Musik der Philharmoniker dem alten Meidericher Hochofen neue Kraft geben soll. Zu Essens Zollverein, wo Straßentheater Odysseus zum Leben wecken und Narziss. Nach Herne und Recklinghausen, wo zwei Städte eine Drehscheibe sind: die Emscherinsel mit Wasserspielen im Klärbecken. Nach Hattingen, wo die Henrichshütte ein Klanggarten wird mit Gemüseorchester, Stahlquartett und einer schnellen Schnecke, die alles verbindet. Und nach Dortmund, wo es alles gibt: Musik und Theater, aus Essen und Frankreich, auf dem Phoenixplatz vor der Phoenixhalle auf Phoenix West, wo sie derzeit bauen, bauen, bauen, weil es den Platz in fertig noch gar nicht gibt.“
Und das will ich gar nicht weiter kommentieren, weil ich nicht weiß, ob das überhaupt deutsch ist oder nur zum Leben geweckt und Narziss. Oder eine Drehscheibe mit Wasserspielen. Es kann aber auch sein, dass eine schnelle Schnecke alles verbindet. Aber mein stärkster Verdacht ist, dass es diesen Text in fertig noch gar nicht gibt.

22. April 2009

Bis zum bitteren Ende in den Mund nehmen

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:36

Heute im Titelseiten-Kommentar: „Das Wort Krebs haben wir doch bis zum bitteren Ende nicht in den Mund zu nehmen gewagt.“ Hm, wusste ich noch gar nicht, dass Wörter einen süßen Anfang und ein bitteres Ende haben können. Oder war hier vielleicht das dicke Ende gemeint, das noch nachkommt?
Doch vielleicht ist das auch „etwas, das wir nicht auch noch vor die Scheinwerfer zerren sollten“, wie man etwas später lesen kann. Zumal es vermutlich gar nichts nützen würde. Denn etwas wird nur dann grell beleuchtet, wenn man es ins Scheinwerferlicht zerrt. Es könnte natürlich auch jemand vor die Kameras treten, aber nur, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat und sich nicht am bitteren dicken Ende eines Wortes verschluckt.

21. April 2009

Den dunklen Schatten vorausschicken und mit Strammzellen Balken in Bewegung bringen

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 19:55

Bisweilen werfen Ereignisse ihre Schatten voraus. Und dass diese dann ziemlich dunkel sein müssen, leuchtet ein, denn von hellen Schatten hat man selten gehört. Um so erstaunlicher, was der iranische Präsident laut WAZ (Seite 2) da wieder hingekriegt hat: „Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte seinen dunklen Schatten nach Genf vorausgeschickt.“ Das muss man erst mal hinkriegen!

Doch auch auf der Rhein-Ruhr-Seite geschehen wundersame Dinge: „Die Frage soll Balken in Bewegung setzen“, lässt die WAZ ein Mitglied der Zukunftskommission zu Wort kommen. Bleibt nur zu hoffen, dass dies keine Lüge war, die ggf. die Balken biegen lässt.

Und im Artikel darunter erfahren wir ganz, ganz Neues aus der Wissenschaft: „Die Experten fordern daher die Förderung auch von umstrittenen Wissenschaftsfeldern wie etwa die Gentechnologie, die Strammzellforschung und die Kernenergie – allesamt Bereiche, für die sich das Wissenschaftsministerium bereits einsetzt.“
Wirklich stramm dabei, unsere Experten, so stellen sie alles andere in den Schatten, selbst, wenn er nicht vorausgeschickt wurde.

20. April 2009

Der Wahlkampf zieht herauf, ein vertieftes Europa hat Chancen und die Unternehmen müssen Ausblicke abgeben

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 19:42

Schon der Aufmacher überrascht uns mit einer interessanten Formulierung: „Die Vorschläge, die am Dienstag im Landeskabinett beraten werden sollen, sind brisant, nicht nur, weil der Wahlkampf heraufzieht.“ Was man bisher nur vom Gewitter kannte, vermag nun auch eine simple politische Veranstaltung. Man mag mich jetzt gerne wieder der Pingeligkeit zeihen, aber Wahlkämpfe ziehen nicht herauf. Die kündigen sich an, beginnen oder befinden sich meinetwegen sogar im Anzug, wenn man unbedingt an etwas ziehen will.

Die „intelligente Autobahn“ am Ende des Artikels wollen wir nicht weiter kommentieren und uns lieber der Seite 2 zuwenden, weil hier noch schönere Formulierungen zu finden sind. Nicht nur „SPD und Grüne, die Atom-Ausstiegler …“, sondern auch so etwas wie das Folgende: „NRW: Allenfalls Mittelmaß bei der Forschung, sagt Dahrendorfs Kommission ungeschminkt.“ Unerhört, das niemand Dahrendorfs Kommission geschminkt hat, wo sie doch vor Kameras treten musste! Nicht, dass sie noch total blass ausgesehen hat, als sie vielleicht die ungeschminkte Wahrheit sagen wollte!
Ein bisschen drollig ist dagegen der Satz ein paar Zeilen weiter: „Ganz einfach: Weil embryonale Stammzellen ganz neue Therapiemöglichkeiten eröffnen könnten für bislang unheilbare Krankheiten: Parkinson, Alzheimer, Herz-Klabaster.“ Drollig nicht nur wegen der doppelten Doppelpunkte oder des falschen Bindestrichs, sondern auch wegen dieser furchtbaren Krankheit namens Herzklabaster, welche wahlweise Herzklopfen, Herzrhythmusstörung oder auch Herzinfarkt bedeuten kann. Eine unheilbare Krankheit ist es jedoch in keinem Fall, und man fragt sich, welcher Teufel einen Chefredakteur reitet, damit jener Parkinson, Alzheimer und den – wenn überhaupt – nur umgangssprachlich möglichen Herzklabaster in einem Atemzug nennt. Wollte er zynisch sein oder besonders witzig? Oder wollte er nur überprüfen, ob seine Artikel überhaupt gelesen werden?
Zumindest setzt er noch einen drauf: „Müsste man den … Kommissionsbericht in die politische Gesäß-Geographie von links nach rechts einordnen, man käme auf: durchweg liberal.“ Ich käme da eher auf: Arsch?
Aber ich bin ja nicht die entscheidende Instanz, wenn ich auch manchmal so tue. Lesen wir also lieber weiter: „Richtig gerungen haben sie in der Kommission, wie man hört, über die Integrationspolitik …“ Aha, über die Politik wird gerungen! Wieder einmal ein kreativer Einsatz der Universalpräposition. Aber warum auch nicht: Worüber man streiten kann, kann man doch sicher auch ringen!
„Ob ein vertieftes Europa so überhaupt noch eine Chance hätte?“ werden wir gegen Ende des Artikels gefragt, und wir würden ja auch gern mit darüber nachdenken, wenn wir nur wüssten, was eigentlich sein soll: ein vertieftes Europa. Die Niederlande und ein bisschen drumherum?
Tja, und dann haben wir am Ende noch eine Formulierung, die irgendwie rätselhaft ist: „Die Flexibilität, das Mantra der Globalisierer, die allseitige Verfügbarkeit nicht nur von Kapital, sondern auch von Menschen, wird glasklar als Zumutung verstanden. Das ist neu. Und ermöglicht auch globalisierten Existenzen, in, sagen wir, Hattingen oder Herne weiterzuwohnen, wenn der Weltmarkt mal wieder zuschlägt.“ Also: Wenn der Weltmarkt mal wieder zuschlägt: Keine Sorge, denn dann dürfen globalisierte Existenzen weiter in Hattingen wohnen, weil das Mantra der Globalisierer glasklar als Zumutung verstanden wird.
So etwas kann man doch eigentlich nur schreiben, wenn man Herzklabaster hat – oder ungeschminkt über den heraufziehenden Wahlkampf ringt.

Wenden wir uns der Rhein-Ruhr-Seite zu. Hier steht im schönsten Denglisch: „Vier Jahre sind seit dem Überfall vergangen. Henriette B. traut sich immer noch nicht, zur Bank zu gehen, um Geld abzuheben. Auf der Straße glaubt sie immer wieder, ein Gesicht, eine Figur zu erinnern.“ Im Englischen ginge das: „Remember the time“. Aber im Deutschen ist das Verb reflexiv, deshalb müsste es heißen: „Auf der Straße glaubt sie, sich an ein Gesicht zu erinnern“.
Im nächsten Absatz wurde die Rentnerin „… vom Angriff hinterrücks völlig überrascht“, was mich jetzt ein bisschen überrascht, wenn auch nicht völlig hinterrücks bzw. hinterrücks völlig.
Aber wie hinterrücks die Überraschung auch gewesen sein mag: „Ihre hochbetagte Mutter will eigentlich kein Aufheben um ihre Person machen.“ Das wiederum kann ich nachvollziehen, weil man normalerweise nicht viel Aufhebens um etwas machen will.

Also blättern wir um und schauen, was die Politik-Seite heute bietet. „Björn Böhning, Wortführer der SPD-Linke …“ lesen wir da und fragen uns, warum er nicht Wortführer der SPD-Linken sein darf.
Liegt es vielleicht daran, dass „Steinmeier … nach 20 Minuten die Debatte mit einer Formulierung abgebunden“ hat? Allerdings müssen wir uns jetzt fragen, warum der Kanzlerkandidat die Debatte nicht einfach abgebrochen hat, wie es jeder andere an seiner Stelle getan hätte. Zumindest jeder, der sie nicht unterbunden hätte.
Wie auch immer – es wird noch ein bisschen rätselhafter: „Böhning nickte brav. Wie der gesamte Entwurf wurde auch dieser Passus einstimmig verabschiedet. Sie hatten dem Kandidaten allenfalls ein Machtwörtchen abverlangt.“ Wer war das? Die Einstimmigen oder die Böhnings?
Egal, Steinmeier kriegt das schon hin, „darum halte er sich für das Amt ‚für geeignet’…“ Genau, denn halten wir uns nicht alle für Vieles für geeignet? Viele Journalisten ja sogar fürs Schreiben für!

Doch kommen wir nun endlich zur Wirtschaftsseite, denn hier “ … müssen die Unternehmen wieder Ausblicke abgeben“, wie uns eine Unterzeile verrät. Und das auch noch „mit Blick auf die geknickte Forscherehre“, die uns sogar noch in einer Zwischenüberschrift angekündigt wird. Nur: Wie knickt man eine Ehre? Man kann sie jemandem erweisen oder jemanden bei ihr packen, man kann sie sogar abschneiden. Aber knicken? Da gibt es höchstens Leute, die geknickt schauen. Vielleicht, weil sie in ihrer Ehre gekränkt wurden. Ansonsten kann man sich diesen Ausdruck knicken.
Überschrieben ist dieser Artikel mit „Prognosen müssen sein“ und als ich das sah, habe ich mich direkt gefragt, wann ich denn von den ersten „Prognosen über“ lesen muss. Vielleicht schon im ersten Absatz? Weit gefehlt! Hier heißt es noch ganz richtig: „Die staatlich finanzierten Wirtschaftsforscher verweigerten eine Prognose für die Entwicklung im kommenden Jahr.“ Aber im zweiten Absatz, hier heißt es: „Auch sie sind in diesem Jahr sehr vorsichtig mit Prognosen über den voraussichtlichen Geschäftserfolg.“ Und schon hat sich die Universalpräposition mal wieder durchgesetzt.
Macht ja nichts, es gibt Schlimmeres. Im folgenden Absatz steht zu lesen: „Ihr Geschäftserfolg ist auch in schlechten Zeiten unsicheren Zeiten sehr gut planbar.“ Ist das eine neue Soap bei RTL? Also sowas wie GZSZ, jetzt aber SZUZ?
Aber das kann eh nicht jeder gucken; so sind „die Dax-Gesellschaften … verpflichtet, einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr zu werfen.“ Dabei hätte es gereicht, einen Blick zu werfen, auf der anderen Seite hätte man sich einen Ausblick gestatten können.
Aber vielleicht war das „angesichts der Krise und der unerwartet starken Rückgänge bei Nachfrage und Umsätzen …“ ein bisschen viel verlangt, zumal mir ein einfacher Rückgang, der ohnehin keinen Plural kennt, gereicht hätte.
„Dennoch ist der Verzicht auf Prognosen für Investoren nicht dauerhaft annehmbar“, heißt es weiter, was irgendwie einleuchtend ist, da es richtigerweise „hinnehmbar“ heißen müsste.
Und nun geht der Artikel langsam auf sein wohlverdientes Ende zu, aber vorher müssen wir noch Folgendes lesen: „Die Ausgabe von Zielen für das laufende Geschäftjahr gehört wie Quartalsberichte oder Ad-Hoc-Meldungen zum Grundinstrumentarium, mit der Privatanleger Qualität und Aussichten ihres Investments überprüfen können.“ Ja, wenn es denn die Ausgabe von Zielen gewesen wäre, mit der Privatanleger ihre Aussichten überprüfen, dann wäre „der“ richtig gewesen. Wäre! Aber leider handelt es sich eindeutig um das Instrumentarium, mit dem die Anleger prüfen können.
Und das sollten sie auch tun, denn „die Aktien der Firmen, die ihre Ziele verfehlen, fallen wie Steine vom Börsenhimmel.“ Das ist überraschend, bislang sah man allenfalls Sterne vom Himmel fallen. Die sind zwar phonetisch ähnlich, aber letztendlich doch recht anders. Hauptsache, sie knicken keine Journalistenehre, während man einen Ausblick darauf wirft.

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