WAZblog

30. August 2008

Verheilende Narben

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 20:18

Schöne Sprachbilder, heute: Schon auf Seite 2 “sind es vor allem die besorgten Nato-Mitglieder Estland, Lettland und Litauen sowie die Polen und die Tschechen, die den russischen Teufel immer krasser an die Wand malen.” Tut mir leid, aber das geht nicht. Man kann den Teufel an die Wand malen, wenn man übermäßig pessimistisch ist, das Schlimmste voraussieht oder dergleichen. Das ist dann aber ein allgemeiner Teufel, kein russischer. Und immer krasser malen? Wie malt man denn krass? Oder gar krasser?
Da ist dann die “Abschreckungswirkung gegen Russland gering”. Zumal eine Wirkung auf etwas ausgeübt wird und nicht gegen. Aber man muss ja schon froh sein, wenn es keine Wirkung “über” Russland ist … Denn sonst könnte ja folgendes eintreten: “Es bestünde die Gefahr, dass sich alles hochschaukelt.” Das befürchte ich allerdings auch!

Weiter geht’s auf Seite 3, denn dort “läuft … die Debatte um die Kohlenmonoxid-Röhre des Bayer-Konzerns heiß” (wie soll das angehen? es mag heiße Debatten geben oder heißgelaufene Motoren) und “ein Parlaments-Votum zum Bayer-Projekt geriete zum Show-down über die NRW-Industriepolitik”. Klar: “über”. Die Universalpräposition mal wieder. Dabei wäre doch ein Showdown für die Industriepolitik viel sinnvoller gewesen!

Das schönste Sprachbild für heute ist auf der Sport-Titelseite. Dort liest man die dicke Headline: “Schalkes Narben sind noch nicht verheilt”.
Das wundert mich nicht, denn Narben können gar nicht verheilen. Schließlich sind sie selbst Ergebnis eines Heilungsprozesses; sie entstehen, wenn Wunden verheilen. Und so etwas wollte der Autor vielleicht auch zum Ausdruck bringen: dass nämlich Schalkes Wunden noch nicht verheilt, aber Narben geblieben sind …

29. August 2008

Schärfere Noten, schärfere Spaltung

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 18:58

“Schärfere Noten” fordert die FDP auf Seite 2, ich vermute, sie meint eine schärfere Benotung. Auf derselben Seite lesen wir im Kommentar von einer “scharfen Spaltung”, wo es doch allenfalls eine tiefere gibt. Nun ja, Semantik ist nicht jedermanns Sache.

O.K., es ist nur ein Leserbrief: “Ansonsten schließt sich für mich bei einer Spaßgesellschaft die Verantwortung mit all seinen Facetten nicht aus.”

Auf der Seite “Menschen” dann noch die Unvollendete (Nachricht): “Sieben Jahre ist es her, dass Michael Jackson sein letztes Album herausgebracht.” Punkt.

28. August 2008

Die Maus vor der Katze

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 21:46

Der Chefredakteur höchstselbst lässt sich herab, seinen Lesern die Welt zu erklären. Ein Essay, “ibergetitelt” (wie mein Deutschlehrer zu sagen pflegte): “Geschichte ohne Ende”.
Aber was müssen wir da lesen? “Es gibt keine Gesetze der Geschichte (außer dieses).” Ich habe bei besagtem Deutschlehrer gelernt, dass nach “außer” der Dativ steht: “außer diesem“. Alles andere tut mir in den Ohren weh.
Doch damit nicht genug. Es gibt noch eine schönen Formulierung am Ende des Artikels: “Und Europa? Pflegt sein ergrünendes Lebensgefühl. Erschöpft sich im Kampf gegen den Klimawandel. Wirkt darüber hinaus seltsam hilflos. Und erstarrt. Wie die Maus vor der Katze.
Nun möchte man fast mit “Radio Eriwan” antworten: “Im Prinzip ein schönes Bild. Nur erstarrt nicht die Maus, sondern das Kaninchen. Und das nicht vor der Katze, sondern vor der Schlange.” Die Schlange kann ja angeblich ihre Beutetiere hypnotisieren, so dass diese in eine Starre verfallen (und daher kommt jenes Sprichwort). Eine Katze vermag das allerdings nicht. Und deshalb haut die Maus schnellstens ab, wenn eine Katze hinter ihr her ist. Es gibt zwar auch ein “Katz-und-Maus-Spiel”, wenn die Katze eine gefangene Maus immer wieder laufen lässt, um sie anschließend wieder zu fangen, aber mit “Erstarren” hat das nun einmal gar nix zu tun. Darum möge man doch beide Bilder bitte tunlichst auseinander halten! Gerade, wenn man Chefredakteur ist.

Gab es gestern noch die “auseinander klaffenden” Gehälter, so ist es heute ein “auseinandergehender Trend”, ausgemacht übrigens von unserer Schulministerin, Frau Sommer. Und die muss es ja wissen. Zumal sie das Wörtchen “muss” in ihrem Interview in jeder zweiten Antwort benutzt. Außerdem will sie Kinder so fördern, “das erste Unterschiede weg sein müssen“. Wie wäre es denn mal mit einer Sprachförderung für Schulminister?

Auf der Politik-Seite zeigt sich unsere Kanzlerin “,tief erschüttert’ über den Anschlag”, nicht etwa von demselben (wieder einmal “über” als Universalpräposition). Und im selben Artikel sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, die “permanente Ignoranz berechtigter Kritik” an Defiziten des Einsatzes erweise sich als Bumerang. “Und das wird auf dem Rücken unserer Soldaten ausgetragen.” Wenn man das mal aufdröseln will, dann würde das Folgendes heißen: Auf dem Rücken der Soldaten wird ein Bumerang ausgetragen, der daraus besteht, dass berechtigte Kritik an Defiziten des Einsatzes permanent ignorant ist. Aaaah-ja!

Nach einigen Tippfehlern, die u.a. für eine Geschlechtsumwandlung der SPD-Vorsitzenden sorgen: “NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Opposionsführer Hannelore Kraft …” (Subline auf der Politik-Seite), oder aber auch den Unterschied zwischen Singular und Plural aufheben: “… dass vor allem der Auskunftsdienst über Änderungen im Angebot informiert sind” (Essener Lokalteil) finden wir dann noch eine recht hübsche Formulierung über Hillary Clinton auf einer weiteren Politik-Seite: “Niemand kann ihr vorwerfen, dass sie Barack Obama nur halbherzig unterstützt hat, dass ihre Rede von bösen Hintergedanken durchtrieben war …” Durchtrieben ist ein Mensch, der raffiniert, gerissen, möglicherweise gar hinterhältig ist, eine Rede mag von bösen oder anderen Gedanken durchsetzt sein. Ansonsten wird die Absicht des Schreibers hintertrieben.

27. August 2008

Chemie klafft auseinander

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 22:19

Klingt komisch, nicht wahr? Wie soll denn die Chemie auseinander klaffen? Normalerweise klafft ja so etwas auseinander wie “Arm und Reich” oder “Anspruch und Wirklichkeit”. Also immer zwei Dinge. Bei der WAZ klaffen heute auf der Titelseite “Gehälter” auseinander, und die sogar immer weiter. Können die aber gar nicht. Wenn es wenigstens niedrige und hohe gewesen wären. So jedoch klafft auch jedes einzelne Gehalt auseinander, und das war vermutlich nicht gemeint.

Was hat das nun mit Chemie zu tun? Steht auf Seite 3. Als ich ziemlich missmutig die Zeitung durchblätterte, weil ich außer der geraden besprochenen Headline kaum etwas fand, worüber ich mich ärgern konnte, habe ich – eher per Zufall – dort den folgenden Artikel entdeckt, und ich möchte dieses Kleinod journalistischer Sprachkunst gerne in voller Länge präsentieren:

“,Das Leben ist Gas’, sang Marc Bolan 1971. Und meinte, dass das Leben flüchtig ist. “Gib Gas, ich will Spaß”, sang Markus 1982. Und wollte dasselbe sagen. Jedoch steht das Gas im Kontext der Blumenrevolution für den unausweichlichen Tod. Während es im deutschen Schlager positiv besetzt ist. Vielleicht, weil es in flüssiger Form (als Benzin) vorlag. Was auf Kenntnisse chemischer Zusammenhänge schließen lässt. Die Rezeption der Chemie verläuft also wellenweise. Die eine Generation kritisiert, bei der anderen stimmt die Chemie.”

Ich will nun nicht mehr auf alles eingehen, weil ich denke, die Hervorhebungen sprechen für sich. Aber dass es auf Kenntnisse chemischer Zusammenhänge schließen lässt, weil das Benzin in flüssiger Form, ahem, “vorlag,“, das ist so daneben, dass man sich fragt, an welchem Gas der Autor dieses sprachlichen Glanzstücks wohl geschnüffelt hat …

26. August 2008

Terror, Selbstmord-Mörder und die pure Lüge

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 18:44

Auf der Titelseite heute wieder ein Kommentar, der insgesamt etwas schräg daherkommt. Da ist zunächst die Rede von Terroristen, die “Chaos und Schrecken verbreiten wollen”. Das mit dem Schrecken kann eigentlich nicht verwundern, heißt doch “Terror” auf Latein “Schrecken”. Da hätte man dann ja auch bei der üblichen Floskel von “Angst und Schrecken” bleiben können, aber das war wohl nicht schlimm genug, also musste das “Chaos” her. Nun gut, seien wir an der Stelle nicht zu pingelig.
Aber weiter im Text: “Terroristen bemänteln ihr Vorgehen mit religiösen Motiven. Mit dem Islam. Was eine Lüge ist.” Wie jetzt? Bemänteln sie das nun oder nicht? Oder ist es eine Lüge, dass sie es mit dem Islam bemänteln? Vielleicht war ja gemeint, das religiöse Motive nur vorgeschoben sind. Doch dann sollte man das auch schreiben …
“Doch die Lüge hilft, Selbstmord-Mörder zu rekrutieren”, heißt es weiter. Also keine Selbstmörder, sondern Selbstmord-Mörder, hm. Interessantes Wort. Man könnte glatt darüber philosophieren: Wenn ein Witwen-Mörder Witwen umbringt, dann tötet der Selbstmord-Mörder …
Wie auch immer, dieser Fall zeigt, laut WAZ, “allen, die in den Griff des Terrors – siehe oben – geraten: Leben ist wichtiger als der Tod.” Was ist der Griff des Terrors und wie gerät man hinein? Doch der Fall kann noch mehr: Nicht nur die Augen öffnen, er kann “die Augen zur Einsicht öffnen”, und zwar zu der: “Keine Religion ist so monströs, ihre eigenen Kinder ins Verderben zu schicken.” Wessen Kinder? Egal: “Das Mädchen hat dem diabolischen Terror getrotzt.”

25. August 2008

Das Abfackeln der olympischen Flamme in den Blickpunkt gerückt

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 22:28

Es beginnt mal wieder mit “über”, der Universalpräposition. Diesmal ist es die “Geschichte von Carol Thatcher über das Vergessen ihrer Mutter … ” wie wir auf der Titelseite im Kommentar lesen können. Eine Geschichte “über”, nicht etwa “von”.

Im Kommentar auf Seite 2 haben “wir im Westen … die Themen in den Blickpunkt gerückt, ohne sie lösen zu können”. Das wundert mich nicht, wer kann schon Themen lösen? Mit Problemen wäre das was anderes … Und außerdem nehme ich an, dass entweder der Mittelpunkt oder das Blickfeld gemeint war, wohin wir die nicht lösbaren Themen gerückt haben.

Es folgt (auf der Politik-Seite) einer der üblichen Tippfehler: “… ihre Tochter erwartete wie immer eine schlagfertiges, blitzgescheites Polit-Alphatier …”

Und schließlich der Sportkommentar, in dem es heißt: “Jacques Rogge hat es sich verkniffen, beim Abfackeln der olympischen Flamme in Peking …” Das ist neu: eine Flamme abfackeln. Bisher kannte ich den Begriff “Abfackeln” im Zusammenhang mit Brandstiftung. “Da hat jemand die alte Scheune abgefackelt”, heißt es zum Beispiel, wenn jemand so ein Gebäude in Brand gesetzt hat. Die olympische Flamme wurde allerdings abgedreht, ausgepustet, gelöscht. Und das ist nunmal das krasse Gegenteil von “Abfackeln”.
Auch im übernächsten Absatz eine nette Formulierung: “Olympia zwischen Glanz, Tristesse – ja, und auch zwischen Zwielicht.” Ja, zwischen wem oder was, bitte? “Zwischen A und B”, zum Beispiel. Aber: “zwischen A und zwischen B” – das geht einfach nicht.
Gegen Ende des Artikels finden wir dann mal wieder etwas, das “im Drogensumpf wurzelt” (letztes Mal war es noch der Dopingsumpf, in dem gewurzelt wurde), diesmal sind es “finstere Vermutungen” und am Ende gibt es dann noch den bemerkenswerten “defizitären Erklärungsbedarf”, und den habe ich jetzt auch, weil ich mir darunter schlichtweg nichts vorstellen kann.

24. August 2008

… von erfüllten Träumen umzingelt, birst der Himmel und fällt als Paradies auf die Erde

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 22:54

Es wurde ja noch recht poetisch, am Samstag, und zwar im Artikel “Bilder für Geld”. Nach ein paar einleitenden Sätzen wie: “Gou Jingjing sitzt auf dem Podium” (ich vermute, dass es sich immer noch um ein Podest handelt, aber warum sitzt sie darauf?) gibt es dann eine geballte Ladung WAZ-Poesie: “Sie müsste doch lächeln, aber sie schaut ernst. Sie wirkt wie jemand, der von erfüllten Träumen umzingelt ist … Das ganze Leben ist Kampf und Wettbewerb, aber was hat dieses wahre Leben jetzt bei einer Siegerehrung verloren? Was sucht dieses wahre Leben in der glitzernden Scheinwelt von Olympia?”
Ja, und vor allem: Was will uns der Autor damit überhaupt sagen? Denn wie wirkt eigentlich jemand, der von unerfüllten Träumen umzingelt ist? Und was ist das mit dem “wahren Leben” bei einer Siegerehrung und in der glitzernden Scheinwelt? Das alles will irgendwie nicht in meinen Kopf …
Was kein Wunder ist, denn schließlich hat “Olympia, das wurde in Peking deutlich, … seinen guten Kopf verloren.” Dass man den “Kopf verlieren kann”, (also panisch reagiert), davon habe ich schon gehört. Dass aber Olympia irgendwie panisch wurde, ist mir neu. Ich wüsste auch nicht, wie das gehen sollte. Doch war es ja auch der “gute” Kopf, der verloren ging (der schlechte ist wohl irgendwie übrig geblieben).
Nun ja, vermutlich liegt das daran: “Am Ende gewinnt der Holländer … Gold, und wieder entblättert sich eine Geschichte von der Art, wie sie seit Wochen durch Fernsehen und Zeitungen geistern.” Es ist also kein Mensch, der sich da “entblättert”, sondern eine Geschichte, vermutlich kann sie dann auch besser geistern.
Inzwischen sieht der Holländer “so glücklich aus, als sei der Himmel über ihm geborsten und als Paradies auf die Erde gefallen”. Eine wahrhaft erstaunliche Begebenheit: Der Himmel birst, er zerbricht also, und fällt dann als Paradies auf die Erde!
Da leuchtet es ein, wenn am Schuss des Artikels zu lesen ist: “Olympia hat viele Bilder.” Auch, wenn viele Gesichter gemeint sind.

23. August 2008

Wie man Hoffnungen furchtloser trägt …

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 20:35

Gibt es eine Steigerung von “furchtlos”? Kann es eigentlich nicht geben, denn wenn man furcht-los ist, ist man ohne Furcht, und “ohnerer” geht es ja nicht. Sollte man meinen. Für die WAZ ist das aber kein Grund, auf die Bildung eines Komparativs zu verzichten. Und schon lesen wir (im heutigen Kommentar auf Seite 2) den übrigens auch sonst recht rätselhaften Satz: “Volksparteien wie CDU und SPD könnten die Dynamik der direkten Demokratie und ihrer Köpfe furchtloser annehmen.”
Auch sonst ist dieser Satz, wie gesagt, recht rätselhaft. Denn wie kann man man “die Dynamik der direkten Demokratie” annehmen? (Ach ja: und ihrer Köpfe.) Ob furchtlos oder furchtloser?
Ein paar Zeilen weiter kommt es dann noch ein bisschen dicker: “Nur sie (die Parteien) können Entscheidungen … durch die unverzichtbaren Strukturen der repräsentativen Demokratie navigieren.” Entscheidungen navigieren. Durch Strukturen. (Welche unverzichtbar sind). Strukturen der repräsentativen Demokratie. Das können nur die Parteien und sonst niemand. Hat das jemand verstanden? Ich nicht.
Mindestens genauso unverständlich (wenn nicht “unverständlicher”, um hier auch mal einen unmöglichen Komparativ zu bilden) ist ein Satz ein paar Zeilen zuvor: “Wer gleich mit dem Gesinnungsverdikt ‘Lebenslänglich’ droht oder dem Schriftführer, wirkt auf Quereinsteiger … wenig attraktiv”. Wer droht da jetzt wem, warum und womit?
Aber auch der Schlusssatz gibt uns Rätsel auf: “Der politische Diskurs vor Ort darf nicht allein von der eher zufälligen Durchsetzungskraft einzelner Initiativen abhängen.” Dazu kann man irgendwie nicken: Jau, find ich auch. Jetzt müsste man nur noch wissen, was der Autor damit gemeint haben könnte. Denn der Diskurs ist ein ziemlich kompliziertes Ding (ursprünglich ein hin und her gehendes Gespräch, aber seit Habermaß u.a. „Schauplatz kommunikativer Rationalität“, wie man bei Wikipedia nachlesen kann) und inwieweit das von irgendwas “abhängen” kann, und gar “von der eher zufälligen Durchsetzungskraft” will mir nicht einleuchten.
Schade, dabei hatte der Kommentar so gut begonnen. Und sogar ein in unseren Breiten vermutlich völlig unbekanntes Wort einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht: “Die Bereitschaft, sich für Belange in seinem Sprengel einzusetzen …” Hut ab, dachte ich und habe extra nachgeguckt: Laut Duden ist ein Sprengel das Amtsgebiet eines Pfarrers oder Bischofs. Man ist ja so unendlich dankbar, wenn sich merkwürdige und ungewohnte Wörter in WAZ-Artikeln als normale, vom Duden akzeptierte Wörter entpuppen – und nicht etwa als Wortneuschöpfungen eines durchgeknallten WAZ-Redakteurs.
Schade, dass dann der Artikel im weiteren Verlauf so total aus der Kurve geraten ist …

Aber kommen wir nun endlich zu den getragenen Hoffnungen (nicht etwa zu den Hoffnungsträgern), selbige begegnen uns – mal wieder im Sportteil. Unter der Überschrift: “Zu viel Bolt für die USA” lesen wir so schöne Sätze wie: “So sehr die Zweifel auf der Bahn und im Becken liegen, weltweit überwiegt die Euphorie über die unvorstellbaren Vorstellungen gegenüber der Skepsis über deren Sauberkeit.” Viermal “über”. Das muss man erstmal hinkriegen! Und das schafft man auch nur, wenn man “über” mal wieder als Universalpräposition nutzt: Euphorie über. (Gibt’s nicht). Skepsis über. (Wenn es wenigstens “gegenüber” gewesen wäre!) Und nicht zuletzt die Zweifel, die auf der Bahn und im Becken liegen! ich stelle mir sowas ja immer gleich bildlich vor … Zweifel, die im Becken liegen!
Und dann kommt erstmal wieder einer von meinen Lieblingsfehlern: “Vor Tagen hieß es noch, er sei 1,93 Meter groß, nun wird von 1,96 Meter gesprochen.” Metern! Es wird von 1,96 Metern gesprochen, verd …!!
Anschließend eine Passage, die ich jetzt mal in voller Länge wiedergebe:
“Mit welchen Mitteln sich Usain Bolt und seine Kollegen diese schnellen Beine gemacht haben, darüber kann nur spekuliert werden. Eines ist jedoch klar, für das, was sich einige andere Staffeln geleistet haben, gibt es nichts in der Apotheke. Gegen” (na was nun, für oder gegen?) “Dummheit gibt es keine Medikamente. In den Vorläufen der Männer-Sprintstaffeln waren die USA, Nigeria und Großbritannien gescheitert. Sie waren nicht in der Lage, das Staffelaluminium ins Ziel zu tragen. Aber auch auf der Reggae-Insel wird es einen heißen Tanz geben, denn das läuferisch praktisch unschlagbare Frauen-Quartett aus Jamaika ließ ebenfalls den Stab fallen.”
Das gelbe Trikot schreibt man übrigens nicht immer groß, sondern nur bei der Tour de France, aber das juckt uns bei der WAZ natürlich nicht: “Dem Himmel am nächsten kam im Gelben Trikot der Australier Steve Hooker mit 5,96”
Und schließlich kommen dann unserer Hoffnungsträger: “Nach dem Qualifikations-Aus von Tim Lobinger trug vor allem der Weltmeisterschafts-Dritte Danny Ecker aus Leverkusen die Hoffnungen.” Und nicht etwa sein Päckchen, das müssen wir tragen …

Nun “holen” wir uns noch schnell “die ungeteilte Hochachtung ab” (Sportkommentar) und sinnieren noch einen Moment über “die Gold-Gewinnerin, die wohl leider aussichtslos von besseren Zeiten träumt”. Dann machen wir Schluss für heute.

Ein weiterer schöner Artikel, in dem jemand “von erfüllten Träumen umzingelt ist” muss dann leider erstmal bis morgen warten.

22. August 2008

Ahlmann doppelt ausgeschlossen, weil er einen Schandfleck nicht nur auf dem Rock der Reiter, sondern auch in Hongkong hinterließ

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 22:04

Gleich zweimal hat die WAZ heute den als Doping-Sünder verdächtigten Springreiter Ahlmann ausgeschlossen. So heißt es auf Seite 1: “Christian Ahlmann ist … von den Reiterspielen suspendiert worden.” Und exakt vier Zeilen später finden wir die sensationelle Neuigkeit: “Almann wurde von den Spielen ausgeschlossen.” Wer hätte das gedacht. Aber vielleicht gibt es einen relevanten Unterschied zwischen Ausschließen und Suspendieren, von dem ich noch nichts weiß?

Aber die WAZ wäre nicht die WAZ, wenn das schon alles wäre. Im Kommentar auf Seite 2 kann man lesen, dass die CSU-Generalsekretärin versuchte, “den demonstrativen Charakter solcher Auftritte … in relativ missratener Form anzusprechen”. Schon frage ich mich, wie man das hinkriegt: einen demonstrativen Charakter anzusprechen. Und dann geht es ja noch um die Form der Ansprache. Die war zwar missraten, aber nur “relativ”. Na Gottseidank!
Dafür “begehen” SPD und Union “eine leicht zu durchschauende Heuchelei”. Ja, was ist das denn jetzt? Man kann heucheln, ohne Frage, aber eine “Heuchelei begehen”, und dann noch eine leicht zu durchschauende, ist irgendwie ziemlich daneben …

Kommen wir zum Sport, also zum “Spocht”, wie es früher bei der Wochenshow hieß. Da haben wir zunächst unter der Überschrift “Max hält, hält, hält” eine grammatikalisch recht eigenwillige Konstruktion: “Er hatte keine Chance, das auf ihn zustürzende Rudel … zu entkommen.” Genauso wenig wie wir, das Geschreibsel zu entfliehen. Dabei hätte man hier ja mal so schön dem Dativ anwenden können, was wir doch sonst bei jeder Gelegenheit tun.
Wie auch immer, Max jedenfalls “überlebte diesen extatischen Ausbruch seiner Teamkollegen. Denn sie brauchen ihn noch”. Hatte der ein Glück! Wenn sie ihn nicht bräuchten, er hätte nicht überlebt! Und darum “drückte (die deutsche Mannschaft) noch einmal richtig aufs Gas”. Ahem. Bitte, bitte: Entweder drückte sie auf die Tube oder sie trat aufs Gas.

Aber kommen wir nun zum “Schandfleck auf dem Rock der Reiter”, wie der Sportkommentar überschrieben ist, bzw. dem zu Schandfleck, den Ahlmann “in Hongkong … hinterlassen hat”. Da fragen wir Sprachpuristen zunächst: Was ist eigentlich ein Schandfleck? Im normalen Sprachgebrauch finden wir dann Formulierungen wie: “das ist ein Schandfleck für die Olympische Bewegung” oder: “Der Krieg im Irak – ein Schandfleck für die Menschheit” und dergleichen. Dass man aber wahlweise einen Schandfleck auf einem Rock der Reiter oder aber in Hongkong “hinterlassen” kann, ist “relativ missraten”, tut mir leid!
Das ist aber noch gar nichts dagegen, wenn “diese prickelnde Unwägbarkeit … durch den Versuch des gemeinen Betrugs ausgehebelt werden soll”. Echt, ey! Die prickelnd Unwägbarkeit! Wird ausgehebelt! Durch Betrug! Nein, durch gemeinen Betrug. Denn ein einfacher Betrug ist ja wohl nicht schlimm genug, er muss auch noch gemein sein. Aber es geht noch verschnörkelter: Durch den Versuch des gemeinen Betrugs. Hm, jetzt könnte ich ja noch ein bisschen gemeiner sein und fragen: “Was hat der gemeine Betrug denn versucht?”, aber das will ich mir mal verkneifen, weil es sonst “als glatte Lüge ausgelegt worden wäre”, wie ein paar Zeilen weiter zu lesen ist.
Und leider ist das auch mal wieder Humbug. Denn entweder ist etwas “eine glatte Lüge”, dann muss man es nicht als solche auslegen. Oder etwas ist eher zweifelhaft und wird nur gegen jemanden ausgelegt. Aber beides zusammen …
Hallo, Herr Justen! Sie waren einer besten Sportkommentatoren Deutschlands und sprachlich immer vorbildhaft. Was ist los mit Ihnen? Nehmen Sie irgend welche Medikamente? Oder sind Sie gar gedopt?

Es wird gedingelt, dass sich einem der Magen umkrempelt

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 00:25

Interessante Wortneuschöpfung heute auf Seite 3, im Artikel über den Rücktritt von Evonik-Chef Werner Müller: “Den Atomausstieg hat Müller als Minister gedingelt …” Nur – was ist damit gemeint? Hat vielleicht was mit “Ding” zu tun oder auch mit “Dengeln”, was wiederum was mit Mähen zu tun hat. Nur: was hat das alles mit dem Atomausstieg zu tun?
Aber wenn wir bei der WAZ schon mal dabei sind, dann legen wir auch gleich richtig los: zunächst ist die Rede davon, den “Konzern börsenfein zu machen und aufs Parkett zu schieben” zumal sich der Müller “nach dem Studium von Philosophie und Linguistik … auch gern selber reden hört.” (Vorher nicht? Und wann genau hat das angefangen: direkt nach dem Studium?) Interessant sind auch die “Satzungen, die über Gremienvorbehalte seine Kreise stören”. Wieder frage ich mich, wie das gehen soll. Wie stören Satzungen über Gremienvorbehalte irgendjemandes Kreise?
Ganz zu schweigen von den “Hintergrundrunden”, in denen er “mit Journalisten sein Projekt Alpha für die Öffentlichkeit” vorbereitete. Allerdings: “Von solchen Alleingängen getrieben, rumpelte Alpha über die Startlinie”.

Auch im Sportteil mal wieder grandiose Erkenntnisse: Den “Flug durch das Pekinger Vogelnest” kann man ja vielleicht noch verzeihen, denn das Stadion heißt ja nunmal so – haha! – aber dass sich “Supermann I … mit Kyptonit gestärkt” habe, muss jeden Comicfan entsetzen: schließlich ist Kryptonit das Einzige, was dem ansonsten unverwundbaren Superman etwas anhaben kann – also das genaue Gegenteil von “Stärkung” (kleine Erläuterung für Nicht-Comicleser).
Anschließend finden wir einen klassischen Beziehungsfehler: Die Rede ist von Tobias Unger, welcher Bolt beim Warmlaufen beobachtet. “In Badehose und Jogginghose sei er gekommen … er habe eine Steigerung und seinen Probestart gemacht” (Hä?) “und sei dann 9,92 Sekunden über 100 Meter getrabt.” Und dann geht’s direkt weiter: “Für ihn sei das eine Riesenverarschung”. (Gemeint ist Unger, aber der Satz bezieht sich eindeutig auf Bolt.)
Danach noch ein schöner Tippfehler (bin mir mal wieder nicht sicher, ob es wirklich einer ist): “In Jamaika steht es mit dem Kampf gegen den Manipulation im Sport nicht zum Besten”.
Am Rande erwähnen sollte man vielleicht noch, dass sich Bolt “den Weg nach oben geebnet” hat (also ist es jetzt eben oder oben?), aber deutlich besser ist dann noch die Nachricht, dass bei den Frauen “nur Läuferinnen von der 2,8 Millionen-Einwohner-Insel auf dem Podium” standen. Wo standen die, bitte? Nein, nicht auf dem Siegertreppchen oder auf dem Podest. Und wenn uns das richtige Wort nicht einfällt, dann nehmen wir einfach das nächstbeste Wort mit “P”. Podium hin – Podest her, das merkt doch eh keiner!

Da “krempelt sich vermutlich der Magen um”, wie im Kommentar eine Spalte daneben zu lesen ist. Dabei wäre der fast fehlerfrei nach Hause gebracht worden, wenn man einfach nur die übliche, wenn auch wenig originelle Formulierung genommen hätte, wonach sich der Magen nun mal umdreht. Aber das war wohl wieder nicht blumig oder kräftig genug, da musste dann das “Krempeln” her.
Man kann sich die Ärmel aufkrempeln, man kann auch ein Leben oder die Gesellschaft umkrempeln, aber den Magen? Und der auch noch sich selbst?

Zum Abschluss unserer heutigen Blütenlese noch eine kurze Nachricht in voller Länge. Oder besser: Eine Nicht-Nachricht. Wäre ich jetzt WAZ-Journalist, würde ich wahrscheinlich “Nichtricht” schreiben, haha. Hier ist sie:

“LKA sprengte Pikrinsäure
Essen. Der Kampfmittelräumdienst des Landeskriminalamts hat getrocknete Pikrinsäure aus einer Essener Apotheke gesprengt. Wie die Polizei mitteilte, rückte das LKA wenige Stunden nach dem Hinweis der Apotheke an. In der Apotheke werden dringend benötigte Arzneien für ein Krankenhaus hergestellt. Die Beamten hoben am Dienstag auf einem angrenzenden Grüngelände eine Grube aus und sprengten die Substanz.”

Soweit die Meldung auf der Seite Rhein-Ruhr. Wer kann mir erklären, was da passiert ist? Hat das irgend jemand verstanden? Ist da draußen wer? Hallo? Manchmal fühle ich mich so allein …

Newer Posts »

Powered by WordPress