WAZblog

25. November 2012

Ein Stück weit überfrachtet

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 18:35

Es gehört zu den schlimmsten Auswüchsen von Dummdeutsch, wird aber immer wieder gerne genommen, so auch am 24.11.: “Der Kanzlerkandidat versucht jetzt, das Schauspiel … ein Stück weit positiv zu besetzen” (Rhein-Ruhr). Kann jemand erklären, wie das geschehen soll? Jemanden ein Stück weit begleiten mag ja noch angehen, aber ein Schauspiel ein Stück weit besetzen? Und dann noch positiv?

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Selbe Ausgabe, Titelseite: “Die Prüfung Tausender Daten … überfrachtet Steuerfahnder und Finanzbeamte”.

19. November 2012

Skandal entfaltet sich scheibchenweise

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 11:51

Ist es zu glauben: “Während sich vor den Augen der erstaunten amerikanischen Öffentlichkeit scheibchenweise der saftigste Skandal in der Grauzone zwischen Geheimdiensten, Weißem Haus, Militär, Prominenz und außerehelichem Sex seit Bill Clintons Lewinsky-Affäre entfaltet, denkt Hollywood schon an Besetzungslisten für die filmische Verwertung.” (Montag, 12.11.2012, Panorama). Was für ein Satz! Man möchte schier erstarren vor Ehrfurcht angesichts der Größe und Klarheit dieser Formulierung! Nicht nur, dass sich etwas scheibchenweise entfaltet, es ist außerdem ein saftigster Skandal, der das tut. Nicht zuletzt in einer Grauzone, die sich “zwischen” einem Dienst, einem Ort, einer Institution, einer Personengruppe und außerehelichem Sex befindet. Wow!

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Einen Tag später wird da sogar noch einer draufgesetzt: “Wer mithält, bekommt einen Platz auf seinem Radarschirm” (13.11., Panorama). Etwas weiter unten wird dann der “Skandal ins Rollen” gebracht. Und der Artikel endet mit dem schönen Satz: ” … schon die Biografie nötigt vielen Kommentatoren Kniebeugen ab”. Warum nicht Liegestütze?

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“Schwarz gekleidet trat die Ur-Grüne nach zweitägigem Rückzug innerer vor die Presse” (13.11., Tagesthema).

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“Ein Friedhof ist ein besonderer Ort. Einer, der seine Würde hat. An dem die Lebenden ihrer Toten gedenken. Ungestört und eingekehrt” (13.11., Rhein-Ruhr).
Hm, einkehren tut man in Gaststätten, vielleicht ist hier “in sich gekehrt” gemeint? Auch wenn man vielleicht innere Einkehr hält. Ja, die Sprache bietet viele Möglichkeiten. Man muss sie nur nutzen.

11. November 2012

Das Heft des Handelns

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 18:00

… liegt in der Schublade, oder so. Zumindest taucht es mal wieder in der WAZ auf, diesmal im Lokalteil Essen: “Rat will Heft des Handelns behalten” (Dienstag, 6.11.2012, Titelseite Essen).
Ich hab’s hier ja schon ein paarmal geschrieben, warum glaubt mir keiner? Das Heft in der Hand halten bedeutet, dass man den Schwertgriff in der Hand hält, oder meinetwegen ein Messer, welches man bis zum Heft irgendwo hineinstoßen kann. Aber ein Heft des Handelns (in dem vielleicht Anweisungen stehen, was man tun soll?) – das gibt es nicht!!! Oder anders: Es gibt kein Heft des Handelns!!! NIX HEFT DES HANDELNS DA SEIN! Raaaaaaaaa!!!

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Montag, 5.11.2012, Politikseite, Headline: “59-Jährigen soll KP-Chef und Präsident werden”.

4. November 2012

Jobs befördern

Filed under: Allgemeines — msteinmen @ 17:52

Wohin bloß?
Fördern allein scheint heutzutage nicht mehr genug zu sein: “Obama nimmt … in Anspruch, seit Januar 2009 rund 5,2 Millionen neue Jobs befördert zu haben.” (Samstag, 3.11.2012, Seite 2: Tagesthema). So klingt es doch gleich noch viel wichtiger. Die Vorsilbe „be“ muss her, um das Ganze zu adeln. Darum wird be-feuert, be-fördert, be-stärkt und be-flügelt, dass es eine Pracht ist! Leider vergisst man dabei, dass man Vorsilben nicht beliebig an jedem Wort be-festigen kann: Befördern ist etwas völlig anderes als fördern, wie auch be-festigen wenig mit dem Festigen (z.B. einer Beziehung) tun hat. Und auch die Deutungshoheit würde sich schwer wundern, ließe man sie zur Be-deutungshoheit und damit -losigkeit verkümmern.
So hat dann Be-fördern nun einmal etwas mit der Bewegung von Gegenständen zwischen Orten zu tun; im übertragenen Sinn auch mit Gehaltsstufen und Karriere.
Darum gibt es zwar eine „Förderstufe“ und ein „Fördergeld“. Eine „Beförderschule“ kennen wir aber nicht, und das „Beförderungsentgelt“ entrichten wir im Zug oder bei der Post.
Das alles be-stört den Beförderer leider nicht, und er be-kümmert sich da nicht darum, dünkt sich besonders klug und seine Worte für wohlgewählt, doch bedient er nur eine neue Dummdeutsch-Mode, eine be-sonders be-scheuerte zudem.

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