{"id":251,"date":"2009-04-15T20:13:40","date_gmt":"2009-04-15T22:13:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wazblog.de\/blog\/?p=251"},"modified":"2009-04-21T19:46:32","modified_gmt":"2009-04-21T21:46:32","slug":"mit-stacheldraht-einmauern-und-den-kreditfluss-lahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wazblog.de\/blog\/mit-stacheldraht-einmauern-und-den-kreditfluss-lahmen\/","title":{"rendered":"Mit Stacheldraht einmauern und den Kreditfluss l&#228;hmen"},"content":{"rendered":"<p>Emp&#246;rung scheint das Sprach- oder mindestens das Schreibverm&#246;gen zu beeintr&#228;chtigen. Vor allem dann, wenn man einen Unrechtsstaat gei&#223;elt. Der Chefredakteur erfindet im Seite-2-Kommentar neue W&#246;rter: &#8222;Die Rechtsprechung war nicht unabh&#228;ngig, sondern <strong>SED-lich.&#8220;<\/strong> Und als ob eine SED-liche Rechtsprechung nicht schon schlimm genug w&#228;re, f&#228;hrt er fort: \u201cDer <strong>freie Wille war frei, insofern<\/strong> er der Einheitsmeinung <strong>in<\/strong> der <strong>dem Politb&#252;ro gleichgeschalteten Presse <\/strong>entsprach.\u201d  Ich denke jetzt schon sehr lange &#252;ber diesen Satz nach, doch es ist ihm bei bestem \u2013 freien \u2013 Willen einfach kein Sinn zu entlocken. Mal sehen, vielleicht bekommt man das durch Umformulieren hin: \u201eDer freie Wille war <em>insofern frei, als<\/em> er der Einheitsmeinung entsprach.\u201c Klingt deutlich besser, aber das wollte doch bestimmt keiner sagen \u2026 Oder sollte es hei&#223;en: \u201eDer freie Wille war <em>solange<\/em> frei, wie er der Einheitsmeinung entsprach?\u201c M&#246;glicherweise, allerdings fragt man sich, was der freie Wille an dieser Stelle &#252;berhaupt zu suchen hat. Denn wie kann ein Wille einer Meinung entsprechen? Und wie wird ein Wille unfrei? Ich f&#252;rchte, hier ist dem Chefredakteur der Unterschied zwischen \u201cfreiem Willen\u201d und \u201cfreier Meinung\u201d ein bisschen verrutscht. Oder er hat zu viel gute Kinofilme gesehen, vielleicht \u201cIm Auftrag des Teufels\u201d (mit Keanu Reeves und Al Pacino), hier ist ja auch oft vom freien Willen die Rede \u2013 und vom Teufel. Und den gottlosen SED-Staat, das Politb&#252;ro, den Teufel und die Unfreiheit, das kann man doch flugs alles zusammen in einen \u2026 &#228;h \u2026 in ein Fegefeuer werfen, nicht war? In dieser Hitze kann man dann auch vergessen, dass die Einheitsmeinung in der Presse, der der freie Wille entsprechen soll und welche wiederum dem Politb&#252;ro gleichgeschaltet ist, einfach keinen Sinn hat, so sehr man auch nach ihm sucht.<\/p>\n<p>Doch nicht nur beim Chefredakteur ist das Sprachverm&#246;gen beeintr&#228;chtigt. Auf der Politik-Seite meldet sich der Direktor der Gedenkst&#228;tte Berlin-Hohensch&#246;nhausen zu Wort: &#8222;Ein Staat, der seine Bev&#246;lkerung <strong>mit Stacheldraht<\/strong> und Selbstschussanlagen <strong>einmauert,<\/strong> ist per se ein Unrechtsstaat.&#8220; Das mag schon sein, das mit dem Unrechtsstaat, aber das mit dem Stacheldraht ist schwierig: Zum Mauern braucht man Steine und M&#246;rtel, alles andere taugt dazu nicht und man kann daher weder mit Stacheldraht noch mit Selbstschussanlagen irgend jemanden einmauern. Auch dann nicht, wenn man noch so drastisch schildern m&#246;chte, wie das Unrecht ausgesehen hat.<br \/>\nDer anschlie&#223;ende Satz ist dann leider auch nicht besser: &#8222;Wenn er auch noch mehr als 200 000 Menschen unschuldig ins Gef&#228;ngnis wirft, ist dies<strong> erst recht offenkundig.&#8220;<\/strong> Offenkundig ist schon offenkundig, offenkundiger geht&#8217;s nicht mehr, auch nicht erst recht.<br \/>\nUnd &#8222;dass an dieser <strong>Einsch&#228;tzung ger&#252;ttelt<\/strong> wird&#8220;, geht leider auch nicht: Man kann an Grundfesten r&#252;tteln, mit Einsch&#228;tzungen klappt das nicht besonders gut, die k&#246;nnen besser in Frage gestellt werden.<br \/>\nUnd da wir gerade dabei sind: Es ist auch nicht ganz leicht, dass &#8222;der fundamentale <strong>Unterschied<\/strong> zwischen Demokratie und Diktatur <strong>ins Schwimmen ger&#228;t.&#8220;<\/strong> Das ist nicht nur &#8222;mit einem <strong>demokratischen Politikverst&#228;ndnis&#8220;<\/strong> (hm, was mag das sein?) &#8222;nicht vereinbar&#8220;, sondern auch mit der deutschen Sprache, weil die hier eher die Formulierung bereithielte, dass der Unterschied <em>verwischt wird<\/em> oder vielleicht sogar <em>ver<\/em>schwimmt.<br \/>\nDen kleinen Beziehungsfehler ein paar Zeilen weiter: &#8222;41 Prozent der Ostdeutschen sind der Ansicht, <strong>die<\/strong> DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Nur 28 Prozent sagen, <strong>er<\/strong> war es sehr wohl&#8220;, wollen wir dann nicht weiter kommentieren und uns der n&#228;chsten Politik-Seite zuwenden.<\/p>\n<p>Hier hei&#223;t es zun&#228;chst: &#8222;Nach sieben Stunden war die <strong>Zeit des Z&#246;gerns<\/strong> vorbei.&#8220; Was, bitte, ist die Zeit des Z&#246;gerns? Warum konnte man nicht einfach schreiben, dass nach sieben Stunden des Z&#246;gerns irgend etwas passierte? M&#246;glicherweise, weil uns auch im Folgenden nicht erkl&#228;rt wird, was es mit den sieben Stunden auf sich hatte: &#8222;Als Angela Merkel kurz vor Weihnachten ihren ersten Wirtschaftsgipfel im Kanzleramt veranstaltete, gen&#252;gte die Prognose von Bert R&#252;rup, um die Regierung in Alarmstimmung zu versetzen.&#8220; Und auch bis zum Ende des Artikels erfahren wir dazu nichts.<br \/>\nStattdessen das Folgende: &#8222;Ohnehin k&#228;mpft Steinbr&#252;ck momentan mit weiteren Sorgen: die faulen Wertpapiere, die \u2026 die Bilanzen deutscher Banken belasten und den <strong>Kreditfluss l&#228;hmen.&#8220;<\/strong> Fl&#252;sse, und seien es Kreditfl&#252;sse, kann man nicht l&#228;hmen, man kann sie h&#246;chstens aufhalten, stauen oder umleiten.<\/p>\n<p>Bleibt noch die kleine Headline auf der Rhein-Ruhr-Seite: &#8222;Offene Fragen nach Tod von Kind&#8220;. Warum konnten es keine offene Fragen nach dem Tod <em>eines Kindes<\/em> sein?<br \/>\nVielleicht, weil der freie Wille dem nicht entsprach, insofern er gerade die Zeit des Z&#246;gerns brauchte, um die Fl&#252;sse zu l&#228;hmen, damit der Unterschied nicht ins Schwimmen ger&#228;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emp&#246;rung scheint das Sprach- oder mindestens das Schreibverm&#246;gen zu beeintr&#228;chtigen. Vor allem dann, wenn man einen Unrechtsstaat gei&#223;elt. 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