{"id":108,"date":"2008-11-10T22:13:48","date_gmt":"2008-11-10T20:13:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wazblog.de\/blog\/?p=108"},"modified":"2008-11-12T02:04:38","modified_gmt":"2008-11-12T00:04:38","slug":"wenn-die-geschichte-wabert-muss-man-ruhiges-blut-wahren-und-keine-flinte-ins-korn-werfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wazblog.de\/blog\/wenn-die-geschichte-wabert-muss-man-ruhiges-blut-wahren-und-keine-flinte-ins-korn-werfen\/","title":{"rendered":"Wenn die Geschichte wabert, muss man ruhiges Blut wahren und keine Flinte ins Korn werfen"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt feststehende Redensarten, warum nur &#228;ndert man so gern daran herum? So hei&#223;t es z.B., man solle <a href=\"http:\/\/www.redensarten-index.de\/suche.php?&amp;bool=relevanz&amp;suchspalte%5B%5D=rart_ou&amp;suchbegriff=ruhig%20Blut&amp;page=1\">ruhig Blut<\/a> (be)wahren (wenn man aufgeregt ist oder &#252;berdreht oder so).<br \/>\nWAZ macht unsere Lieblingszeitung daraus? Im Kommentar auf der Titelseite: &#8222;Es f&#228;llt schwer \u2026 ruhi<strong>ges<\/strong> Blut zu bewahren&#8220;. Nat&#252;rlich muss man sich schon ein bisschen mit den &#8222;Feinheiten der deutschen Sprache&#8220; auskennen, um das auseinander zu halten, und das kann man von einem WAZ-Autor mit seinem unruhigen Blut vermutlich kaum erwarten.<br \/>\nAnscheinend kennt die die Nicht-Ministerpr&#228;sidentin von Hessen aber auch nicht: Laut WAZ l&#228;chelte sie &#8222;in die Fernsehkameras, sie werfe keine Flinte ins Korn.&#8220; Die Redensart hei&#223;t tats&#228;chlich in etwa so: &#8222;Ich werde nicht gleich <em>die<\/em> Flinte ins Korn werfen!&#8220; (aber nat&#252;rlich gibt es noch etliche <a href=\"http:\/\/www.redensarten-index.de\/suche.php?suchbegriff=Flinte+Korn&amp;bool=relevanz&amp;suchspalte%5B%5D=rart_ou\">Abwandlungen<\/a>.) Aber <em>keine <\/em>Flinte ins Korn zu werfen, bedeutet nun leider etwas v&#246;llig anderes. Entweder: ich werfe alles andere ins Korn, nur keine Flinte, oder: ich habe eine ganze Menge Flinten, aber keine davon werfe ich. Beides bedeutet dann eben nicht: &#8222;ich gebe nicht auf, ich resigniere nicht&#8220;, sondern eher: &#8222;Ich kann noch ganz anders resignieren&#8220; oder: &#8222;selbst wenn ich resigniere, kann ich noch was anderes machen!&#8220; Also: Lasst mir doch bitte die Redensarten in Ruhe!<\/p>\n<p>Denn auch ohne den eigenwilligen Umgang mit Redensarten kann so einiges daneben gehen, wie z.B. auf der Welt-Seite: &#8222;In dem neuen Fall hatte sich der Schaffner auch nicht erweichen lassen, als die 13-j&#228;hrige ihm unter Tr&#228;nen versicherte, weder &#252;ber Geld noch &#252;ber ein Handy f&#252;r einen <strong>Anruf zuhause<\/strong> zu verf&#252;gen.&#8220; Wer kann mir erkl&#228;ren, wor&#252;ber sie nun alles nicht verf&#252;gte? Also das mit dem Geld, das ist noch einigerma&#223;en klar. Dar&#252;ber verf&#252;gte sie nicht. Weder im Zug noch zuhause. Aber das Handy. War das jetzt zuhause oder war der Anruf zuhause? Oder der Anruf an zu Hause? Nee, das kann gar nicht sein. Vielleicht hatte sie aber auch kein Geld, um mit dem Handy zuhause zu telefonieren. Aber das w&#228;re ja irgendwie unlogisch. Oder gibt es einen<em> Anruf zuhause?<\/em> W&#228;re mir neu. Vielleicht h&#228;tte sie es einfach wie E.T. machen sollen: &#8222;<em>nach<\/em> Hause telefonieren&#8220;.<\/p>\n<p>Ja, und jetzt haben wir noch den Clement auf der Wirtschaftsseite. Erinnern Sie sich? Der war mal Ministerpr&#228;sident in diesem unserem Lande. Dann hat er irgendwie was Falsches gesagt und ein Parteiordnungsverfahren bekommen. Heute redet er in der WAZ und bekommt daf&#252;r von mir ein Sprachordnungsverfahren.<br \/>\nHerr Clement, was haben Sie sich bei dem Satz gedacht: &#8222;Ich bin froh, dass Herr Lafontaine in Hessen eine Abfuhr <strong>erlebt<\/strong> hat.&#8220; Na klar, so gut wie nichts, denn sonst h&#228;tte Ihnen auffallen m&#252;ssen, dass man eine Abfuhr <em>erteilt<\/em> bekommt.<br \/>\nDer n&#228;chste Satz ist dann aber auch nicht besser. &#8222;Nat&#252;rlich mussten die Regierungen jetzt in das Bankendesaster eingreifen und f&#252;r eine neue Ordnung, neue Regeln sorgen.&#8220; Wie soll man bitte in ein Desaster eingreifen? Wissen Sie auch nicht? Und darum setzen Sie mit der Bemerkung nach: &#8222;Das ist schlicht so, denn jeder Markt braucht eine Ordnung.&#8220; Wie sollen wir das jetzt verstehen: ist es <em>schlicht<\/em> so, oder <em>ist<\/em> es schlicht so? Und: Halten Sie das f&#252;r Deutsch? Oder gar f&#252;r eine Erl&#228;uterung?<br \/>\nUnd dann das hier: &#8222;Wir sollten uns stattdessen auf die <strong>Grundregeln<\/strong> der sozialen Marktwirtschaft besinnen und sie m&#246;glichst &#252;ber unseren Kontinent hinaus <strong>zur Wirkung bringen.<\/strong>&#8220; Bitte, wie bringt man Grundregeln <em>zur Wirkung?<\/em><br \/>\nIst klar, darauf haben Sie auch keine Antwort. Stattdessen reden Sie im n&#228;chsten Absatz Folgendes: &#8222;Der Infrastrukturteil im Compositum Mixtum der Bundesregierung ist viel zu wenig, das wird gegen eine massive Wirtschaftsschw&#228;che nicht reichen.&#8220; Das mit dem Compositum Mixtum war ja echt beeindruckend, aber der Rest des Satzes \u2026 <em>(Schauder!)<\/em> Wie soll etwas <em>gegen<\/em> eine Schw&#228;che <em>reichen?<\/em> Und was ist bitte eine massive Schw&#228;che, ist das nicht irgendwie eine Contradictio in adiecto? Sozusagen ein Lapsus Linguae? (Sehen Sie, auch ich kann ein bisschen Latein \u2026)<br \/>\nJa, und dann wollen Sie noch &#8222;gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten ein 700-Milliarden-Programm <strong>schn&#252;ren&#8220;.<\/strong> Clement! <em>Pakete<\/em> kann man schn&#252;ren, Programme aber, die kann man h&#246;chstens <em>erarbeiten,<\/em> wie soll man die je <em>schn&#252;ren?<\/em><br \/>\nTut mir leid, aber die Sprachschiedskommission muss Sie nun leider von der deutschen Sprache ausschlie&#223;en! Ihre Grammatik und Ihr W&#246;rterbuch werden eingezogen und vernichtet!<\/p>\n<p>Jetzt brauche ich eine Trennung, damit ich mit einem anderen Thema weiter machen kann. Aber WAZ  kriege ich da? Im Artikel direkt unter dem Clement-Interview: &#8222;Allerdings gibt die \u2026 Sparneigung Anlass zur Sorge, ob dies allen- (neue Zeile) m&#246;glich ist. (Aber in dem Artikel steht ja auch, dass in den USA &#8222;Einkommen und Verm&#246;gen weit ungleicher verteilt (sind) als in Deutschland&#8220;. Ungleich, ungleicher, weit ungleicher, am ungleichsten. Die Animal Farm kannte auch Tiere, die gleicher sind als andere, warum also auch nicht &#8222;weit ungleicher&#8220;?)<br \/>\nKommen wir zur&#252;ck zu meiner Trennung, diese war leider unbrauchbar. Da finde ich auf der n&#228;chsten Seite: &#8222;Das ist die g&#252;nst- (neue Zeile) igste Art und Weise \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Also muss ich ohne vern&#252;ftige Trennung weitermachen. Und dabei kommt ja jetzt so etwas Wichtiges wie Historie. Die macht aber was ganz Merkw&#252;rdiges auf der Kulturseite: &#8222;&#220;berall wabert Geschichte&#8220; hei&#223;t es in der fetten Headline. Wie macht die das blo&#223;? Rauch kann wabern, Bodennebel, ja sogar <a href=\"http:\/\/www.mydict.com\/Wort\/wabert\/\">Ektoplasma<\/a>, aber Geschichte?<br \/>\nNa gut, versuchen wir es mit einfacheren Dingen, einem Genitiv vielleicht. &#8222;Hier, im alten Stadthaus des Sul<strong>tan,<\/strong> liegt das B&#252;ro der Kulturhauptstadt \u2026&#8220; muss ich da lesen. Vielleicht waberte da gerade kein Genitiv-S vorbei? <\/p>\n<p>Um es mit der WAZ zu sagen: &#8222;Soviel Potenzial ist schwer unter ein Dach zu bekommen.&#8220; (Es unter ei<em>nem<\/em> Dach zu bekommen, klingt irgendwie besser, ist aber wohl nicht gemeint.) Da kommen wir (nachdem wir die &#8222;angestaubten Sch&#228;tze zu polieren&#8220; hatten) lieber auf Folgendes zur&#252;ck: &#8222;&#220;berall wabert Geschichte, mancherorts verf&#228;llt sie.&#8220; Wie wahr!<\/p>\n<p>H&#228;ufig verf&#228;llt aber auch die Sprache. Wie in dem folgenden Beispiel. Eine ganze Seite in der WAZ, &#8222;Rhein-Ruhr&#8220;, mit dem Titel &#8222;Die Halde ruft&#8220;. Hier finden wir ganz merkw&#252;rdige Formulierungen, geboren offenbar aus dem Wunsche, m&#246;glichst volksnah zu schreiben. Vielleicht hat man den WAZ-Schreibern aber auch gesagt, sie sollen \u201eschreiben, wie man spricht\u201c, und dann kommt leider sowas dabei heraus (ich werde es, soweit es mir m&#246;glich ist, unkommentiert dokumentieren, und frage mich, ob nur <em>ich<\/em> Probleme damit habe):<br \/>\n&#8222;Es war eine Er&#246;ffnungsveranstaltung voll solcher Reden, dass links und rechts von einem die Superlative nur so einschlugen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aus Jahrzehnten Bergbau liegen hier 300 Millionen Tonnen Gestein aufgesch&#252;ttet, das kriegt man ja immer so schlecht weg, also machten sie lieber gleich was Vern&#252;nftiges daraus, die EU und das Land und der Regionalverband Ruhr \u2026&#8220;<br \/>\n&#8222;Es ist eine freundliche Mittagsstunde, und sie, tausende: wandern, laufen, spazieren, joggen, gehen, tollen herum, bev&#246;lkern die Wege, kraxeln bergan, mit Hund und ohne, mit und ohne Fahrrad, allein und zu zweit, manche im Pendelbus, manche mit Lenkdrachen, oben, 155 Meter &#252;ber N.N., wo es trefflich zugig ist.&#8220;<br \/>\n<em>(manche kraxeln demnach im Pendelbus bergan und joggen mit Lenkdrachen, oben, wo es trefflich zugig ist.)<\/em><br \/>\n&#8222;Sie gucken von dem Hochplateau und sehen unter anderm:&#8220;<br \/>\n(wenigstens: unter ande<em>rem!<\/em>)<br \/>\n&#8222;Das hier wird der neue Silvestertreffpunkt des Ruhrgebiets, wenn die ganzen Raketen explodieren da unten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ach, es geht ja nicht nur um einen neuen Park, es geht hier um das Bewusstsein seiner selbst: Denn bis vor, sagen wir, 15 Jahren, hat das Ruhrgebiet seine Bergehalden begr&#252;nt und unsichtbar zu machen versucht, schlie&#223;lich sahen sie so schrecklich aus, n&#228;mlich irgendwie nach Ruhrgebiet, ging gar nicht \u2026&#8220;<br \/>\n(Bewusstsein <em>wessen<\/em> selbst? Meiner? Deiner? Des Parks? Und das <em>ging gar nicht<\/em> \u2026!)<br \/>\n&#8222;Erst seitdem sind die Halden erkannt als das, was kein anderer hat \u2026&#8220;<br \/>\n(Hier schl&#246;sse jetzt ein &#8222;n&#228;mlich&#8220; zwingend an, kommt aber keins. Sie wurden nur erkannt als das, was kein anderer hat. H&#228;?)<br \/>\nUnd das wabert nun alles durch die deutsche Sprache, und ich soll ruhi<strong>ges<\/strong> Blut bewahren und <em>keine Flinte <\/em>ins Korn werfen! Geht gar nicht, denn h&#246;rt sich irgendwie nach WAZ an!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt feststehende Redensarten, warum nur &#228;ndert man so gern daran herum? So hei&#223;t es z.B., man solle ruhig Blut (be)wahren (wenn man aufgeregt ist oder &#252;berdreht oder so). WAZ macht unsere Lieblingszeitung daraus? Im Kommentar auf der Titelseite: &#8222;Es f&#228;llt schwer \u2026 ruhiges Blut zu bewahren&#8220;. 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